14.05.2020

Pandemie Adipositas – eine gewichtige Aufgabe für die Gesellschaft nicht nur am Europäischen Adipositas-Tag am 16.05.20 | PA

Die Zunahme von Übergewicht und Adipositas ist nicht nur ein europäisches, sondern ein weltweites Gesundheitsproblem. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Übergewichtigen weiterhin an. Etwa 60 % bzw. rund 25 % der Erwachsenen in Deutschland haben Übergewicht (Body Mass Index, BMI ≥ 25 kg/m2) bzw. Adipositas (BMI ≥ 30kg/m2). Personen mit Adipositas leiden häufiger an chronischen Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, Krebs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen und haben generell eine geringere Lebenserwartung als Normalgewichtige.

Doch Adipositas ist nicht nur ein Risikofaktor für Folgekrankheiten, sondern ist laut Expertenmeinung selbst eine chronische Erkrankung. Jedoch wird Fettleibigkeit in Deutschland immer noch nicht als Krankheit anerkannt, führt Prof. Hauner des Else Kröner-Fresenius-Zentrums aus. Durch eine Anerkennung als Krankheit würde eine Leistungspflicht der Kran­ken­ver­siche­rung, d.h. eine Kostenübernahme im deutschen Gesundheitssystem, wirksam werden. Laut Prof. Hauner werden bisher nur auf Kulanzbasis und von Krankenkasse zu Krankenkasse sehr unterschiedlich bis zu fünf Ernährungsberatungen bezuschusst. Die Maßnahmen sind somit zeitlich begrenzt und greifen viel zu kurz. Menschen mit Adipositas haben jedoch einen langfristigen Bedarf an professioneller Begleitung, um sie bei der lebenslangen Aufgabe eines erfolgreichen Gewichtsmanagements erfolgreich zu unterstützen. Auf diese Weise könnte gemäß den Erfahrungen des Ernährungsmediziners zumindest teilweise vermieden werden, dass Betroffene nicht unseriöse und unsinnige Programme zur Gewichtsreduktion in Anspruch nehmen. Diese Angebote würden zwar häufig schnelle Abnahmen des Körpergewichtes versprechen, würden allerdings in der Regel mit einem raschen Wiederanstieg des Gewichts einhergehen.

Bessere Erfolge bei der Behandlung von Betroffenen, die stark unter Adipositas leiden, könnten laut Prof. Hauner erzielt werden, wenn die Therapie sowohl die beiden Säulen Ernährung und Bewegung als auch verhaltenspsychologische Elemente beinhaltet. Diese sogenannte Basistherapie zur Gewichtssenkung sollte am Anfang immer einem chirurgischen Eingriff vorgezogen werden. Die Leitlinie zur Behandlung der Adipositas, herausgegeben unter anderem von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG), beschreibt die aktuellen Behandlungsmöglichkeiten. Der im Dezember 2019 von sieben Fachgesellschaften erstellte „Leitfaden Ernährungstherapie in Klinik und Praxis (LEKuP)“ betont die Bedeutung der Ernährungstherapie. Ungeachtet dessen ist dringend zu fordern, dass die Kostenträger Adipositas als Krankheit anerkennen und leitliniengerechte Therapieprogramme finanzieren, wie in anderen Ländern längst üblich. Jedoch sind nach Meinung von Prof. Hauner weitere Anstrengungen innerhalb der Gesellschaft erforderlich, um der Stigmatisierung und der Diskriminierung von Menschen mit Adipositas entgegenzuwirken und die multifaktoriell verursachte Adipositas als zentrale Aufgabe für unser Gesundheitssystem zu verstehen.

 

Hinweis zur aktuellen Corona-Pandemie:

Vorläufige Daten deuten darauf hin, dass Menschen mit Adipositas ein erhöhtes Risiko für schweres COVID-19 haben. Da jedoch nur wenige Daten zu Stoffwechselparametern (wie BMI und Glukose- und Insulinspiegel) bei Patienten mit COVID-19 vorliegen, ist eine verstärkte Berichterstattung erforderlich, um unser Verständnis von COVID-19 und die Versorgung betroffener Patienten zu verbessern. Weiterlesen